02.10.2011

Tag z

                 


Gefrühstückt wird heute "bem cedo" bei Salette. Es gibt verbranntes Brot, deliziösen Honig, Früchte und brasilianischen Kaffee. Salette, die von Versammlung zu Versammlung rennt, wirkt ein bisschen müde, ist aber ausgeglichen wie immer. Während sie sich die Zähne putzt entdecken André und ich   "Wilde Schwäne" auf portugiesisch. Mit dem Auto gehts gegen halb neun in das Studentenwohnheim, wir holen Ana ab. Die Autofahrt nach Campo Belo ist super, trotz der Hitze und der Lautstärke des Windes, der gegen die Frontscheibe des Autos klatscht. Salette erzählt über ihr Projekt, einen Gemüsegarten in einer anderen Favela zu bauen und Ana wird ganz verrückt vor Lust, mitzumachen. Wir reden über das Wohnheim von der Uni und die Vorurteile einiger Professoren und Studenten, die denken, dort wohnen nur Banditen und Drogenhändler, da das Wohnheim für sozial Minderbemittelte ist. Es geht auch um Proteste und Streiks der Studenten, Transparenz und friedfertiges Kämpfen, denn ohne Kampf erreicht man nichts, sagt Salette, und wenn, dann bitte ohne Gewalt. Um die Regierung dazu zubringen, ein kostenloses Wohnheim  für Studenten aus armen Familien zu errichten, mussten die Studenten zwei ganze Jahre im Zentralgebäude der Unversität "wohnen". Mit Erfolg, heute leben 900 Unicamp-Studenten dort, jeweils vier teilen sich ein Häuschen mit einem Schlafzimmer, Küche, Bad und Wohnzimmer.
Andressa ist schon fertig angezogen, als wir bei ihrem Haus ankommen.
Sie drückt mir eine Blume, ein selbst geschriebenes Buch mit Gedichten und einen Brief in die Hand. Ich freu mich ziemlich, auch weil ich mir seit kurzem ein kleines bisschen besser vorstellen kann, wie schwer es für sie sein muss, so etwas zustande zu bringen. Von Salette weiß Andressa, dass ich heute das letzte Mal komm.
Vor der " Assosiacao" warten schon einige Kinder und Jugendliche, als wir uns gerade im Kreis, wie jede Woche, unterhalten, sich einige vorstellen und Äpfel essen, kommen neue dazu. Die nächsten zwei bis drei Stunden sind alle komplett in die Arbeit versunken, ihre Hefte weiter zu basteln, auch André und ich vergessen die Zeit. Nach einigen Momenten tauen die meisten Kinder auf und erzählen ein wenig. Extrem auffällig ist, wie schnell ihnen alles peinlich und unangenehm ist. Wie misstrauisch sie sind, als befürchten sie, man würde sie erst loben, um sie später auszulachen, weil sie einem das Lob abgenommen haben. João macht tolle Zeichnungen, deckt sie aber mit der freien Hand komplett zu. Es ist unmöglich, ihm in die Augen zu schauen. Paulo und Estefanny sind schnell fertig, Estefanny erzählt von ihren 9 Geschwistern und Paulo von der Schule. Er geht auf eine andere Schule wie die meisten Kinder in CP und scheint es dort zu mögen. Sein Papa ist Maurer und Paulo hilft ihm bei der Arbeit, das erzählt er ganz stolz mit seiner rauen und kindlichen Stimme. Seit kurzem wohnt er erst hier in CB, aber er meint, es gefällt ihm sehr gut.
Gegen halb eins räumen wir zusammen auf, kehren den Boden, jedes Kind kommt und gibt André und mir - die brasilianische Verabschiedung - eine Umarmung und einen Kuss auf die Backe.
Später, in Andressas Haus. Emilio, Andressas Vater, hat einen Zementboden im Haus angebracht.
Weiter zu Lineide, die Mama von Suelem und Ester. Sie zeigt uns ihre sehr, sehr schönen Taschen, Handtücher und Decken, die sie selbst macht. Ich hab Lineide letztes Jahr kennengelernt. Wie viele Familien hier in Campo Belo (leider) hat ihr Mann Alkoholprobleme und musste einmal im Krankenhaus fast sterben. Auch sonst hab ich ein bisschen mitbekommen, was gewalttechnisch und sexuell hier los ist und obwohl mich die Geschichten erschüttert haben, glaub ich, dass das noch nicht einmal die halbe Wahrheit ist.

Mit Andressa zusammen fahren wir nach Hause und verbringen den Rest des Tages mit ihr. Ich frag mich, ob sie jemals in einem so reichen Viertel war, ein Viertel hier in Campinas, in dem die Studenten und die reichen Familien leben, vom Lebensstandard weit unter dem, was ich in Deutschland gewohnt bin ,aber dennoch sehr schön wegen der gigantischen, teilweise erhaltenen Natur. Und wie es wohl für sie ist,. dass alles zu sehen. Wir zeigen Andressa die Uni und ich schien zu vergessen, dass sie erst 12 ist. Entweder ich kann die brasilianische Kindersprache nicht oder ich halte sie einfach für sehr erwachsen, denn das wirkt sie wirklich für ihr Alter. Wie sie vorhin beim Essen ganz aufrecht auf dem großen Stuhl saß und von ihrer Familie und ihrer Mama, ihren 15 Geschwistern, von denen die meisten schon sehr jung ausgezogen sind, erzählt hat. Auf jeden Fall stoppt mich André irgendwann im Redefluss und fragt Andressa, ob sie weiß, was eine Uni überhaupt ist. Ups.
Am Praça do Coco trinken wir Kokosnusssaft aus Kokosnüssen und lassen sie uns später aufschneiden, danach gibts noch Eis, zwei Kartenspiele, bei denen wir furchtbar viel lachen müssen und den kleinen Prinzen auf portugiesisch.