25.09.2011

Zum Frühstück gibt’s heute Amoras vom Baum



Zum Frühstück gibt’s heute frische Amoras vom Baum.

Amora ist im Plural Amoraim, eine Bezeichnung für talmudische Gelehrte zwischen dem dritten und fünften Jahrhundert, eine Gemeinde in Portugal und eine französische Marke für Lebensmittel, siehe Wikipedia.
Amora ist auch eine kleine, brombeerähnliche, süße Frucht. Leider sind die Amoras jetzt Ende September schon etwas überreif und sauer. Mit dem Bus fahre ich zum Busbahnhof und unterhalte mich mit dem Busfahrer von letzter Woche. Er kommt sofort auf mich zu und erzählt mir in seiner (noch 4 Minuten langen Pause), dass er 12 Stunden von Campinas entfernt wohnt und seine Familie nur am Wochenende sieht. Es ist heiß und trocken und ich hätte gerne ein Wasser. Leider ist der Bahnhof geschlossen, würde ich in den Supermarkt gegenüber gehen, müsste ich ein neues Ticket kaufen. Also stell ich mich in der Schlange vom „Bebedor“ an, das ist eine Maschine, die Chlorwasser ausspuckt. Man hält seinen Mund einer Öffnung entgegen und drückt auf einen Knopf.

Im Bus grüßt mich ein Rollstuhlfahrer, der mich letzte Woche gesehen hat. Die Ticketverkäuferin, die auf einem hohen Stuhl hinter der ersten, für Senioren reservierten Sitzreihe sitzt, ist die gleiche wie letztes Mal. Eine Bushaltestelle weiter bekommt sie von einer Mitfahrerin eine „Revista“(Zeitschrift) geschenkt, die beiden Frauen unterhalten sich und riechen am Werbeduft in der Zeitschrift. Wir fahren an vielen Favelas vorbei bis wir zum Atacadão kommen, ein großer, überdachter Markt, in dem man Quantitäten an Bohnen, Reis, Fleisch, Obst und mehr kaufen kann. Ein übergewichtiger Mann mit zwei Säcken voller Orangen steigt ein und fällt fast hin. Schräg neben mir sitzt ein sehr alter, dunkelhäutiger Senior. Seinem Aussehen nach kommt er aus dem Nordosten Brasiliens, klein, dünn und ein ausgemergelter Körper, die Falten zeichnen sein Gesicht. Viele Immigranten, die aus dem Nordosten nach Sao Paulo übergesiedelt sind, haben ihr Leben lang auf „sítios“ gearbeitet, große Ländereien, auf denen Kaffee, Zucker, Ananas, Bananen und Eukalyptus angebaut wurde.  Jeder sítio hat einen Landherr, den „dono“. "Solange", die im Centro Cultural putzt und kocht, hat 28 Jahre ihres Lebens mit ihren Eltern auf einem sítio gelebt. Morgens wurde gearbeitet und abends zur Schule gegangen. Kinder und Erwachsene gingen in denselben Unterricht, es gab eine öffentliche Schule. Nach Solange´s Erzählung war das Leben auf dem sítio schön aber hart und mit wenig Freiheiten. Ihre Mutter hatte eine eigene Hühnerzucht und die Arbeiter dort eine gute Gemeinschaft. Mittags setzte man sich gemeinsam aufs Feld um zu Piknicken. Aber es war auch anstrengend, man wurde nach der Menge der Ernte bezahlt. Je mehr man erntete, desto höher war der Tageslohn. Einige von den bis zu 2000 Arbeitern pro sítio lebten dort in kleinen Häusern, andere kamen jeden Tag und reisten abends wieder ab. Solange erinnert sich an einige Namen der donos der mehr als zehn sítios hier in Matao. Heute sind die Straßen vom Distrikt Matão nach ihnen benannt.    
Eine dieser Straßen, die „Rua Emilio Bosco“, gehe ich entlang, Richtung Centro Cultural. Mit mir ein Schwall von Menschen, unter anderem ein alter Mann mit einem kleinen Wagen und einer Klingel. Als ich ein Foto machen will, überholt er mich und ruft „ sorvete,sorvete“ ("Eis, Eis!") Auf dem Wagen befindet sich ein alte, mit Gummis und Haken befestigte, grauweiße Styropor Box.
Im nächsten Obstladen kaufe ich Äpfel, Bananen, Karotten und „Inhame“, auf deutsch: Yams. Yams ist ein Wurzelgewächs, kartoffelgroß, und braun weiß gestreift. Die meisten Brasilianer hier essen allerdings die Wurzel Maniok (es gibt die verschiedensten Speisen aus diesem Gewächs).
Nach zwei Kilometern, die Mittagssonne knallt heiß auf meinen Kopf und Schweiß steht auf meiner Stirn, komm ich an den zwei Palmen vor dem Centro Cultural an. Der Tag kann beginnen.