25.09.2011

Leute Matão



Maria und ich sitzen zusammen in der Küche. Sie kommt aus Alagoas, einem kleinen Bundesstaat im Nordosten Brasiliens. Maria hat den typischen Nordostakzent, die Konsonanten am Ende des Wortes spricht sie härter aus als die Paulistas, die Einwohner des Staates São Paulo. Sie will den Namen der Hauptstadt von Alagoas, den ich zuerst nicht verstehe, nicht für mich aufschreiben. Kann sie schreiben? Ich hab Maria beim Tanzen gerade eben kennengelernt. Sie lacht, hat dunkle Haut und indigene Züge. Erzählt mir von ihrer Reise nach São Paulo.
Ihre Mutter ist vor zwei Jahren gestorben und daraufhin bekam Maria eine Depression und war in Behandlung. Jetzt wohnt sie hier mit ihrem Bruder und dessen Familie, sie ist Kassiererin. Vor einigen Monaten hat sie einen Jungen kennengelernt, mit dem sie inzwischen zusammen ist, Marcelo. Er hat einen kleinen Supermarkt in Matão. Maria erzählt von Alagoas, von den Leuten dort, von den Bräuchen, von Weihnachten. Sie findet die Paulistanos verschlossen und scheint ihr Volk zu vermissen und zugleich stolz zu sein, den Schritt aus ihrem Land heraus gewagt zu haben.

Thais und Ernando sind heute auch hier. Suélem fehlt. Ich fühle mich wohl unter den Leuten, sie wirken alle ein wenig verloren. Suélem hat eine eigenartige Geschichte. Vor vier Monaten fiel sie aus dem Bett und hatte von einem Tag auf den anderen kein Gedächtnis mehr. Konnte weder reden noch schreiben, noch wusste sie, was ihr schmeckt und was nicht, glaubte ihren Eltern nicht, dass es ihre Eltern sind und trennte sich von ihrem Freund.  Beurlaubt von ihrem Job als Lehrerin fing sie mit dem Tanzen an, um ihre Bewegungsabläufe wieder zu automatisieren. Inzwischen macht sie nichts anderes mehr als Tanzen, da während dem Tanz ihr Gedächtnis wieder langsam zurückkommt. Langsam kommt Suélems Gedächtnis wieder, sie kann sich schon wieder an ihre Kindheit erinnern und sucht alte Kindergartenfreunde auf, die einzigen Menschen, die ihr im Moment bekannt vorkommen und denen sie vertrauen kann.