Pierre Bourdieu und die Kunst
- Ein Aufsatz über Anerkennung, Abhängigkeiten, Geschmack und die in Frage zu stellende künstlerische Freiheit
Pierre Bourdieu (1930 – 2002) wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater war Landwirt und später Postangestellter, seine Mutter Hausfrau. Der französische Soziologe studierte Philosophie und gehört heute zu den meistzitierten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. In seiner Schaffensphase veröffentlichte Bourdieu an die 40 Bücher und Schriften, das bekannteste Werk ist „Die feinen Unterschiede“, eine Sozialstudie über Kulturkämpfe verschiedener gesellschaftlicher Klassen um gesellschaftliche Positionen und die einhergehende Durchsetzung eines herrschenden Geschmacks, entstanden 1979.
Bourdieus kunsttheoretisches Schaffen ist aber bislang wenig beachtet. Dabei bezeichnet er selbst das Buch „Die Regeln der Kunst“, 1992, als sein Hauptwerk.
Pierre Bourdieus Auseinandersetzung mit Bildern ist vielschichtig. Sie beginnt bereits ganz am Anfang der Karriere des Soziologen. Selbstgemachte Fotos dienten Bourdieu als Skizzen und Erinnerungsstützen für seine ethnologischen und soziologischen Forschungen, die er von 1958 - 1961 in Algerien durchführte. Die Forschungsarbeit während des antikolonialen Unabhängigkeitskrieges erforderte aber auch eine Parteinahme. Bemühte sich Bourdieu einerseits um eine objektive Distanz, waren ihm die Fotos andererseits zugleich Beleg und Zeugnis. Sie bezeugten das Unrecht der kolonialen Herrschaft und nahmen auf diese Weise Partei für die Beherrschten. So dienten die Bilder Bourdieu schon früh zur Hinterfragung des eigenen Standpunktes als Betrachter.
Die Frage zu stellen, was man sieht und wie man es sieht, das ist ist eine der Prämissen von Pierre Bourdieus gesamten Schaffen. Das gilt auch für Bourdieus Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst. Man habe sich bislang nicht genug verdeutlicht was es bedeutet, dass ein/e KünstlerIn für ein Publikum produziert, meint Bourdieu. Macht man sich das klar, heißt das, die Gesellschaft interveniert noch im Herzen des künstlerischen Projektes. Die Gesellschaft ist also immer schon da, selbst dort, wo am meisten Individuelles vermutet wird, in der künstlerischen Produktion.
Was interessiert Bourdieu folglich an der Kunst?
Statt der Schöpfung, also das Werk interessiert ihn vor allem, wie der/die SchöpferIn entstanden ist. Anders gesagt, Bourdieu beschäftigt sich mit dem Kollektiven im Individuellen. Dieses Kollektive nennt er auch „leibgewordene Geschichte“ oder kurz „Habitus“. Mit dem Feld der Kunst setzt sich Bourdieu unter anderem deshalb auseinander,
weil hier der Mythos individueller Freiheit und schöpferischen Genies besonders ausgeprägt und besonders verbreitet ist.
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Aber was ist das Feld der Kunst?
Die Kunst ist Teil des kulturellen Feldes. Und Feld ist eine Art gesellschaftlicher Bereich. Alle die mit Kunst zu tun haben gehören zum künstlerischen Feld, also Künstler, Kunstkritiker, Sammler, Galeristen, Kunstvermittler, Museumsdirektoren und so weiter.
Wie jedes Feld ist auch das künstlerische Feld Teil des „sozialen Raumes“. Der „soziale Raum“ ist bei Bourdieu das, was andere Gesellschaft nennen. Ein Feld ist aber nicht so unbeweglich wie ein Acker. Es entsteht erst durch die Handlung der darin Aktiven- es ist dynamisch und hat Geschichte. Bourdieu beschreibt es als „dinggewordene Geschichte“.
Die spezielle Geschichte des künstlerischen Feldes hat Bourdieu genauer beschrieben.
Das künstlerische Feld entsteht in der Mitte des 19.Jahrhunderts. Zwar gab es auch schon vorher Kunstproduktion, aber nicht auf diese Weise. Nachdem Klerus und Adel als Auftraggeber an Einfluss verloren hatten, bestimmten sich auch Formen und Inhalte neu. Geld und Leidenschaft für die Kunst kamen von nun an aus einer anderen Klasse, dem Bürgertum. In Abgrenzung zu den Maßstäben des Bürgertums entsteht die Autonomie der Kunst. Autonom sowohl von den Leidenschaften als auch vom Geld. Dass die Kunst autonom wird, bedeutet dass sie keinen außer den künstlerischen, also politischen, moralischen, finanziellen und anderen Maßstäben mehr gehorcht. Geld verdienen mussten Künstler natürlich trotzdem und politisch engagiert haben waren sie sich auch. Aber wie der Pinsel gesetzt, also Farbe, Licht und Perspektive behandelt wurden, hatte fortan mit beidem nichts mehr zu tun. Die Autonomisierung des künstlerischen Felds geschah nicht einfach so, sondern war das Ergebnis von Kämpfen. Dabei setzten sich Künstler durch, die unabhängig von der Akademie und damit auch unabhängig von Staat und Politik Kunst aus sich selbst aus formalen Kriterien begründen. L´art pour l´art. Eduard Manet und sein Kreis mit dem Bourdieu sich ausführlich beschäftigte, setzten neue künstlerische Maßstäbe. Ihre Bilder schockierten, weil sie keine Geschichten erzählten, technische Meisterschaft ignorierten und unfertig wirkten.
Doch ohne Kontakte konnten diese neuen künstlerischen Maßstäbe nicht durchgesetzt werden. Ein ganzes Konglomerat aus Künstler, einflussreichen Sammlern, sowie Kritikern setzte sich für die Impressionisten ein, schrieben für sie und kauften ihre Bilder. Seurat schrieb eine Verteidigung für Manet und wertete damit gleich sich selbst als Kunstkritiker auf. Heute würde man Networking dazu sagen. Netzwerke sind aber nicht nur nett. Während sie für den einen Zusammenhalt stiften, grenzen sie die anderen aus. Und man ist auf sie angewiesen, um sich durchzusetzen.
Wer auf wen und was angewiesen ist, wer sich wie und warum durchsetzt, wer wen warum anerkennt und wessen Anerkennung zählt, das alles interessiert Bourdieu an der Kunst.
Die Netzwerke von Akteuren machen nicht nur die Existenz jedes Feldes aus. Ihre Kämpfe untereinander sorgen dafür, dass sich ein Feld verändert, dass es also Geschichte hat. Jene Geschichte, die Bourdieu „dinggewordene Geschichte“ nennt. Die Akteure, von Bourdieu „Agenten“ genannt, bewegen sich im Feld nicht willkürlich hin- und her. Ihr Handeln richtet sich vielmehr nach drei Komponenten. Erstens danach, was man mitbringt an Bildung, zweitens danach wo man steht, also sozial, kulturell in Relation zu anderen verortet ist und drittens danach wie man sich in Stellung bringt, also seine Disposition und Position einsetzt im Spiel oder Kampf des Lebens.
Die Dynamik des künstlerischen Felds ist im Wesentlichen die: Dynamische, junge Aufstrebende kämpfen, revoltieren gegen gesetzte, alte Arrivierte. Die jungen Aufstrebenden hat man früher Avantgarde genannt Sie spielen für die Entwicklung des künstlerischen Feldes eine wichtige Rolle. Sie erneuern es nicht nur, sie gehen auch an seine Grenzen. Avantgarden wollen auch immer über die Kunst hinaus beziehungsweise die Kunst über sich selbst hinaustreiben.
Innerhalb des sozialen Raumes ist das künstlerische Feld nur ein relativ kleines. Das heißt, ihm gehören vergleichsweise wenige Personen an. Aber dennoch ist es ein mächtiges Feld, denn diese Personen schaffen eben Kultur. Und damit nicht nur Institutionen und anerkannte Werke, sondern auch Meinungen, Diskurse und Werte. Das kulturelle Feld ist ein reiches Feld. Wenn auch nicht alle hier viel Geld haben, sie besitzen etwas anderes. Kulturelles Kapital. In Fleisch und Blut übergegangene Bildung. Von Institutionen verliehene Bildungstitel. Und natürlich kulturelle Werke selbst. Also volle Bücherregale und Kunstdrucke an den Wänden. Dieser kulturelle Reichtum unterscheidet die Angehörigen des künstlerischen Feldes von anderen Leuten.
Und solche Unterschiede werten nicht nur - die einen werten sie auf, die anderen ab -, auf sie wir auch Wert gelegt.
Was meint Bourdieu eigentlich mit Geschmack und was hat das mit „ art rules“ zu tun?
Diese Wertschätzung äußert sich laut Bourdieu im Geschmack. Grundlage all dessen, was man hat. Geschmack. Über Geschmack lässt sich sehr wohl streiten. Denn Geschmack ist eben nicht, wie allgemein angenommen, individuelle Angelegenheit oder Privatsache, sondern durch und durch gesellschaftlich.
Aber nicht nur das. Bourdieu geht noch weiter und sagt, über Geschmack wird kulturelle Herrschaft ausgeübt. So wie man Menschen am Geschmack, das heißt, an dem, was sie besitzen, konsumieren etc. erkennt, so kann man sie anhand dieser Kriterien ausgrenzen. Geschmack ist die Grundlage alles dessen, was man hat. Besitz und Gruppenzugehörigkeit.
Bourdieu unterscheidet grob in drei Geschmacksformen, die er den gesellschaftlichen Klassen zuordnet. Die Reichen pflegen einen „Distinktionsgeschmack“, das heißt, sie legen Wert auf Unterschiede zu allen Anderen und bestimmten letztlich, was gut ist. Die mittleren Schichten haben tendenziell einen „Prätentionsgeschmack“, das heißt, sie wollen so sein wie die Reichen und besser als die Armen. Sie finden gut, was für gut gehalten wird. Die unteren Schichten haben den „Notwendigkeitsgeschmack“, das heißt, sie machen aus der Not eine Tugend und finden das Praktische auch gut. Damit das alles so bleibt, gibt es gesellschaftliche Institutionen.
Eine davon ist das Museum. Das Museum als Institution ist zwar prinzipiell für alle offen, aber nicht alle gehen rein. Das hat mit Geschmack und Klassenzugehörigkeit zu tun. Und das ist Problem dabei. Das Museum führt nicht zu mehr kultureller Gleichheit, sondern grenzt weiterhin aus. Nach einer Umfrage aus den 1990er Jahren haben 75% bis 85% aller Museumsbesucher im deutschsprachigen Raum einen akademischen Abschluss oder studieren. Ein zweiter Aspekt am Museum ist problematisch. Nämlich im Hinblick auf die dort ausgestellten Gegenstände. Was im Museum steht, ist seiner Funktion beraubt, aus dem Kontext gerissen. Das ist auch der Grund dafür, dass die Avantgarden immer das Museum attackiert haben. Denn die Avantgarden wollen Kunst und Leben verbinden, dass also Kunst eine soziale oder politische Funktion hat.
Die Kunst aber braucht diese Funktionslosigkeit geradezu. Denn wie man an der Entstehung des künstlerischen Felds sehen konnte, erst das verleiht ihr das Attribut, richtige Kunst zu sein. Deshalb ist es kein Zufall, dass es letztendlich das Museum ist, welches darüber entscheidet, was Kunst ist und was nicht.
„Art rules“ heißt aber nicht nur, dass es bestimmte Regeln gibt, unter denen die Produktion der Kunst entsteht. Die wichtigste Regelmäßigkeit ist der permanente Kampf um Anerkennung. Anerkennung einer Person als KünstlerIn, Anerkennung eines Gegenstandes als Kunst, Anerkennung einer Institution als Instanz.
Deswegen heißt „art rules“ auch, dass Kunst regiert, also Herrschaft ausübt.
Und wer verleiht dem Kunstwerk jetzt diese Anerkennung?
1. Der Kunsthandel
Da gibt es zum einen den Kunsthandel. Der Handel von Kunstwerken stellt laut Bourdieu die Verbindung von Kunst und Geschäft dar. Gehandelt wird in einer Galerie; und zwar von einem Galeristen. Ein Galerist ist dazu da, die Kunst des Künstlers zu „organisieren und zu rationalisieren“ („Die Regeln der Kunst“, S.272), um einen ökonomischen Erfolg zu generieren und somit für sich selbst und den Künstler einen Gewinn zu erlangen. Dazu braucht der Galerist einen Künstler, der produziert und seine Werke dem Publikum anbietet. Diese Produktion ist die kulturelle Produktion. Je anerkannter der Künstler im Kunstfeld ist,
desto höher ist der symbolische Wert seines Kunstwerkes. Also der Wert, der zwar irgendwie da ist, den man aber nicht sieht. Der ökonomische Wert ist das Geld, das der Künstler für sein Kunstwerk bekommt und steigt mit dem symbolischen Wert. Das freut den Galeristen und dessen Geldbeutel natürlich sehr und er trägt so gut es geht bei der Wertsteigerung bei. Er sorgt deshalb fleißig für die Anerkennung seiner Galerie und bietet diese dem Künstler als Gegenwert zu dessen Bekanntheitsgrad an. Das nennt man Akkumulation und Austausch symbolischen Kapitals. Das symbolische Kapital ist der symbolische Wert des Werkes, den man nicht sieht, wie schon gesagt. Damit ein Galerist langfristig eine Anerkennung, Bekanntheit und positive Rezensionen erlangt, muss er sein Handeln auf andere in diesem Subfeld der Kunst agierende, schon etablierte Institutionen (andere Galerien, Kunstkritiker und Ausstellungsmacher) ausrichten. Somit entsteht eine Abhängigkeit.
Bourdieu unterscheidet drei verschiedene Arten von Galerien. Die arrivierte Avantgardegalerie folgt dem und legitimiert den Geschmack der bourgeoisen Fraktion der Oberklasse. Sie ist vorrangig auf den Verkauf von bereits kulturellen Legitimationsinstanzen anerkannter und prestigeträchtiger Kunstwerke spezialisiert. Diese Kunstwerke sind dann zumeist sehr teuer. Herausgefordert werden diese Galerien von den Avantgarde- Kunstgalerien, mit risikoreichen, entdeckungsfreudigen Galeristen, die das Neue, nicht Approbierte, ausstellen. In solchen Galerien stellen dann oft Künstler aus, die ihre Werke als „herausfordernd“ und „autonom“ bezeichnen. Die arrivierte Avantgardegalerie und die Kunstavantgardegalerie sehen sich als Vermarkter der „reinen Kunstproduktion“, also einmalige Werke mit einem von der Oberklasse geprägten geschmacklichen Wert. Diesen Geschmack der Oberklasse, der Voraussetzung für das Verstehen der reinen Kunst in der arrivierten und Avantgarde-Kunstgalerie ist, nennt Bourdieu das ästhetische Kapital. Zuletzt spricht Bourdieu von den Galerien, die sich auf Großvertrieb und Massenabsatz von Kunst spezialisiert haben. Sie orientieren sich an einer konstanten Nachfrage, die meist aus den breiten Reihen des Kleinbürgertums mit „mittlerem Geschmack“ kommt und somit ein Verkaufserfolg verspricht. An einer Akkumulation symbolischen Kapitals sind diese Galerien nicht unbedingt interessiert, auch ästhetisches Kapital von Seiten des Rezipienten ist nicht gefragt.
2. Die Kunstkritik
Die zweite, für Anerkennung eines Kunstwerkes zuständige Institution ist die Kunstkritik. Die Kunstkritik hat die Aufgabe der diskursiven Beurteilung und Vermittlung von Kunst. Besonders die „reine Kunst“ ist abhängig von den Urteilen der Kunstkritik, da die „reine Kunst“ einen hohen symbolischen Wert erreichen, also viel symbolisches Kapital anhäufen will, um das Kunstwerk möglichst teuer zu verkaufen. Die Kunstkritik der reinen Produktion, so Bourdieu, beurteilt weniger das vom Künstler Dargestellte, also den Inhalt seiner Schöpfung, als vielmehr die Art der Darstellung. Wie der Künstler sein Werk in den Raum hängt, stellt oder legt und welche Materialen er hierbei verwendet legt - laut den Kunstkritikern - die tiefste Intention des Künstlers als Individuum frei und wird als genuiner schöpferischer Akt verstanden. Weniger beachtet wird hierbei die eigentliche Aussage des Werkes. Nicht die Funktion, sondern die Form stellt die Grundlage des Werks zur Beurteilung dar. Das nennt der kritische Bourdieu „ das absolute Primat der Form über die Funktion“ („Die feinen Unterschiede, S.59).
Das „Zelebrieren“ eines Werkes durch Kunstkritiker ist ein „Moment der Produktion des Werkes“, da erst in diesem Moment dem Werk eine Bedeutung, ein Sinn zugesprochen wird und es am Markt Beachtung findet. („Die Regeln der Kunst“, S.275 )
Mit ihren Bewertungen ordnen die Kunstkritiker die Ästhetik des Künstlers innerhalb des Subfeldes der Kunst einer Stilrichtung zu und historisieren somit seine Kunst. Das nennt man dann Kunstgeschichte. Ein Werk wird natürlich umso beliebter, je anerkannter der Kunstkritiker ist, der es als positiv bewertet. Oder unbeliebter, wenn er es nicht gut findet. Fazit: Das schöpferische, freie Individuum des Künstlers und die Galerie, in der sein Schöpfungsakt präsentiert wird, sind abhängig von Kunstkritikern.
Als Kunstkritiker der reinen Produktion sieht Bourdieu den arrivierten Avantgarde und den Kunstavantgardekritiker. Der arrivierte Avantgardekritiker vertritt, so Bourdieu, den Geschmack der bourgeoisen Fraktion (da er dieser ja meist selbst angehört). Da diese Fraktion aber nur jene Werke anerkennt, die bereits Anerkennung durch kulturelle Legitimationsinstanzen erfahren haben, entsteht hier ein Kreis. Sowieso schon bekannte Künstler werden also noch bekannter.
Der Avantgardekunstkritiker hingegen sieht sich als Sprecher der neuen Kunst und vertritt eher den Geschmack der intellektuellen Fraktion, der jungen, aufstrebenden, Rebellierenden, die den etablierten Geschmack herausfordern wollen.
Die massentaugliche Kunst wird in Bezug auf die vorgängige Nachfrage beurteilt. Je höher also die Nachfrage, desto besser ist die ausfallende Kritik für das Kunstwerk. Des Weiteren bewirkt die vorherige Prophezeiung eines Erfolges diesen Erfolg. Man muss ein Kunstwerk nur lange genug verbal aufwerten, irgendwann entsteht dann auch eine Nachfrage. Die Massenproduktionskunst orientiert sich an den Geschmackspräferenzen der kleinbürgerlichen Mittelschicht. Sie geht als solche auch nicht in die Kunstgeschichte ein.
3. Das Ausstellungswesen
Die letzte und wichtigste Institution im Kunstfeld stellt für Bourdieu das Ausstellungswesen dar, dessen Aufgabe zum einen die Untersuchung auf Echtheit und Restauration der Werke ist. Zum anderen macht das Ausstellungswesen das künstlerische Erbe einer Gesellschaft der Öffentlichkeit zugänglich. Durch Präsentationen in Museen, Sammlungen, Kunsthäusern, Kunstvereinen,…
Diese Institutionen repräsentieren ausschließlich bereits anerkannte Werke der reinen Produktion. Anerkannt von denjenigen, die über ästhetisches Kapital verfügen (s.o.). Es kann auch vorkommen, dass ein Avantgardekunstwerk durch Aufkauf als arrivierte Avantgardekunst legitimiert wird. Die Aufnahme und Repräsentation eines Werkes nennt Bourdieu den „musealen Konsekrationsprozess“. Konsekration bedeutet nichts anderes als „Weihen“ und Bourdieu will damit sagen, dass die herrschende Klasse dank des Museums und ähnlichen Institutionen über die Macht verfügt, ein Kunstwerk als eine Art „Heiligtum“ in die Geschichte der Kunst eingehen zu lassen. Das Ausstellungswesen reduziert das Werk auf ein reines Kunstdasein und reißt es aus dem Kontext, in dem es entstand. Dieser Entfremdung und der mit einhergehender Kontextunabhängigkeit steht Bourdieu sehr kritisch gegenüber. Der Inhalt, den der Künstler seinem Kunstwerk verpasst hat, geht flöten und die reine Ästhetik steht ohne jegliche Aussagekraft im Mittelpunkt. (Die Schuld an der Reduktion auf reines Kunstdasein gibt er hierbei außerdem der Kunstkritik mit ihrem Primat der Form, siehe oben). Das Museum ist „ Bestandteil jenes Apparates, mit dem sich stets noch der heilige, abgetrennte und trennende Charakter der legitimen Kunst kundgibt“ („Die feinen Unterschiede“, S. 66)
Fazit:
Kulturinstitutionen üben Macht aus, indem sie Geschmack bestimmen und repräsentieren. Sie fungieren als Distinktionsmaschinen der gesellschaftlichen Klassen mit Ein- und Ausschlussmechanismen.
Der Wert eines Kunstwerkes liegt nicht an dessen Qualität, sondern ist Ergebnis des institutionellen Definitionsprozesses.
Der Künstler ist heutzutage abhängig von einem ganzen Komplex an Institutionen. Seine Kunstproduktion ist, besonders wenn der Künstler davon leben will, angewiesen auf die Anerkennung von Kunstinstitutionen, die bewerten, ob und warum Kunst Kunst ist.
Die Freiheit der Kunst, des Künstlers und seiner Kunstproduktion ist permanent in Frage zu stellen und kritisch zu beleuchten.
Meine Meinung:
Bourdieus These, dass Geschmack Herrschaft ausübt war für mich relativ neu, seine Argumentation finde ich allerdings einschlägig und auch auf die Praxis anwendbar. Dass Künstler abhängig sind und größtenteils nicht völlig frei, sondern mit dem Interesse, Geld dabei zu verdienen, Kunst produzieren, ist heutzutage glaube ich allseits bekannt. Auch, dass an der Kunst ein ganzes Konglomerat an Institutionen hängt.
Die Isoliertheit des Subfeldes der Kunst ist für mich als Kunststudent ein beachtenswerter Punkt. Die – meiner Meinung nach vorhandene – vorurteilsbegründete Geschlossenheit
vieler aufstrebender, avantgardistischer Jungkünstler nach außen und Gegenüber allen, die nicht im Auftrag der reinen Kunst produzieren, sondern mit einer Portion Realitätsnähe über den Tellerrand der absoluten Kunst blicken, führt keinesfalls zu einer Verbesserung dieses Problems der Isolation.
Des Weiteren sehe ich eine Gefahr in (besonders politischer) Kunst, die in allseits anerkannten Institutionen präsentiert wird. Der Museumsgänger befriedigt durch die Aktion des Museumsbesuchs und seines Interesses an diesen Künsten und Ansichten sein Gewissen. Durch das Gefühl, nun etwas Gutes, Sinnvolles getan zu haben und die richtige, aufgeklärte Meinung zu teilen, wird zwar vielleicht etwas sinnvolles für die eigene Bildung getan und meinetwegen auch die ein oder andere neue Gedankentür geöffnet, Aha- Effekte und kurzweilige Gedankenblitze generiert. Zeitgleich verführt es, in der Praxis weiterhin passiv zu bleiben, sich also selbst keineswegs politisch im Sinne der Gesamtheit der Bevölkerung zu engagieren oder einzusetzen.
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